Noch nie gab es so wenige junge Menschen wie heute. Gegen die Übermacht der Alten wehren sie sich mit moralischer Rigidität.
Natürlich wird auch heute noch gespottet und gelacht. Aber wer einmal alte Filme mit jüngeren vergleicht, die Kinoklassiker und die Fernsehklassiker mit den aktuellen Leinwand- und Serienformaten, wird die neue Schwere, einen Geist der Unlustigkeit, nicht verkennen. Was nicht offen als Satire oder Comedy auftritt, ist von biederem Ernst. Der leichte, auch leichtfertige, spielerische Konversationston, den es nicht nur in Komödien gab, ist aus gegenwärtigen Produktionen nahezu verschwunden. Selbst Schimanski in seiner sozialkritisch ausgeleuchteten, gewiss nicht geschönten Tatort-Umgebung demonstrierte einen schlagfertigen Witz, der fast befremdet angesichts der existenziellen Bitterkeit der leidenden Fernsehkommissare unserer Zeit.
Etwas hat sich geändert, etwas ist durchgängig auf Moll gestimmt worden, und keineswegs nur in Filmen oder im Theater, das sich ebenso von jeder verspielten Dialogkunst verabschiedet hat. Auch wer zufällig noch Menschen erlebt hat, die vor 1900 geboren wurden, wird sich an deren leichten, durch Ironie gerne alles erleichternden Gesprächsstil erinnern, von dem erst jetzt auffällt, dass er keine Nachfolge mehr hat, erst recht nicht bei der Jugend. Noch in den Hippiewelten der Sechziger-, Siebzigerjahre hat die Jugend sich in Spott über Ernst und Spießigkeit der Alten geradezu überschlagen. Heute sieht es so aus, als habe sich alles verkehrt und empöre sich die Jugend ihrerseits über die Leichtfertigkeit und Leichtlebigkeit der Alten. Weil sie ihr eine verwüstete, womöglich bald unbewohnbare Erde hinterlassen werden?
Ernst und Leichtsinn haben die Generationenplätze getauscht, das mag mit den verdüsterten Zukunftsaussichten zu tun haben. Es hat aber auch mit einer dramatischen Verschiebung der Machtverhältnisse zu tun. Kürzlich meldete das Statistische Bundesamt, dass es noch nie so wenige Jugendliche in Deutschland gegeben habe: 8,2 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren wurden Ende 2021 gezählt, das sind gerade einmal zehn Prozent der Bevölkerung (1983 waren es noch 13,1 Millionen oder 16,7 Prozent). Zehn Prozent sind eine Minderheit, die deutlich unter der Hälfte der Zahl der Bürger mit Migrationshintergrund liegt (derzeit 27,1 Prozent). Wo so wenig Gewicht in die gesellschaftliche Waagschale geworfen werden kann, müssen Gefühle von Ohnmacht und Ausgeliefertsein entstehen.
Dazu passt, was eine Rheingold-Studie, die der stern kürzlich in Auftrag gegeben hat, über die vorherrschenden Charakterzüge der Altersgruppe herausgefunden hat: “Verzicht, Verantwortung, Selbstregulation, Anpassung” – man könnte auch sagen Resignation und eine Empfindung von Unfreiheit. Was der stern unterschlägt, weil er sich mit Verhaltensneigungen, nicht mit dem Selbstverständnis der Jugend befasst, ist ihr Protest gegen die moralische Verfasstheit der Erwachsenenwelt: deren Rassismen, Sexismen, kolonialistische Überheblichkeiten. Allerdings zeugt dieser Protest ebenso wenig von jugendlichem Übermut und Freiheitsgenuss, sondern von gesteigertem Ernst, gesteigertem Verantwortungsbewusstsein. Die Jugend will nicht ihre Freiheit erweitern, sondern die unanständigen Freiheiten der Mehrheitsgesellschaft einschränken.
Manches spricht dafür, dass in dem aggressiven Überschuss, den die “woke”, für Kränkungen und Ungerechtigkeiten überwache Jugend dabei produziert, auch die Empörung über Unbeweglichkeit und Unbelehrbarkeit der alternden Gesellschaft steckt. Und tatsächlich scheint sich diese mit ihrer Erstarrung längst abgefunden zu haben. Sie kennt den Befund, dass sie altert, bereits so lange, dass er niemanden mehr aufregt; schon gar nicht die Alten. Natürlich sah man schon früher darin ein Problem für die Rentenversicherung; manchmal auch, aber eher theoretisch, ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Denn wer sollte die finanzielle Last der wachsenden Rentnerschar tragen, wenn der erwerbstätige Teil der Bevölkerung schrumpfte? In Umrissen zeichnete sich zumindest ein gewaltiger Schuldenberg ab, der auf eine unzureichend nachwachsende Generation wartete, die von ihrem Unglück noch nichts wusste.
Aber was es für die Jugend tatsächlich bedeutet, in den Rang einer Minderheit zu geraten, ist in seiner Dramatik nie erkannt worden. Höchstens in der Corona-Krise wurde für einen Moment die ungeheure Seniorenzentriertheit unserer Gesellschaft offenbar: Alles drehte sich um die Alten, alles hatte hinter ihrem Überlebensinteresse zurückzustehen, die Wirtschaft, die Geselligkeit, die Kultur, die Bildung – vor allem aber die Jugend. Die Jugend, die von der Krankheit am wenigsten zu befürchten hatte, wurde von Schule, Universitäten, Clubs und Treffen, man könnte sagen: von ihrem spezifisch jugendlichen Leben ausgeschlossen.
Die politische Rechtfertigung fand sich in der Formel von den “vulnerablen Gruppen”, die es bevorzugt zu schützen galt: die Alten und Kranken. Die Alten wurden als vulnerabel eingestuft, die Jungen nicht. Sie galten als gesund, aber als Risikofaktor, insofern sie die Krankheit übertragen konnten. Mit anderen Worten: Der Jugend wurde ihre Jugend als Negativpunkt angerechnet.
Die Erfahrung, für etwas bestraft zu werden, was außerhalb der eigenen Verantwortung liegt, wird diese Generation so schnell nicht, wahrscheinlich nie vergessen. Wer damals darauf hinwies, dass die Jugend die Hauptlast der Pandemiebekämpfung trage und dabei um die Erlebnisse ihres Lebensalters gebracht werde, sah sich einer drohenden Phalanx prominenter Senioren gegenüber, die in Medienauftritten und Zeitungsanzeigen auf ihre Leistungen, ihre unschätzbaren Verdienste verwies, die unbedingten Schutz ihrer Restlebenserwartung verlangte. Niemals war Lobbyarbeit in eigener Sache effizienter und brutaler.
Erst allmählich beginnt der Gesellschaft zu dämmern, was sie mit den Schul- und Hochschulschließungen der Jugend angetan hat. Die Studien, die von Depressionen, zerrütteten Familien, wachsender Bildungsungerechtigkeit künden, werden inzwischen von den Massenmedien sorgenvoll wiedergekäut. Sonderlich glaubwürdig ist die Reue nicht. Wer ein wenig zurück- und über Corona hinausdenkt, wird erkennen, dass die Vernachlässigung jugendlicher Interessen im politischen System schon angelegt war. Noch bevor die Schulen geschlossen wurden, waren sie oft nur schwer erreichbar, jedenfalls mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In Hamburg wurden Strecken für viele Wochen im Jahr gesperrt, Bahnhöfe geschlossen. Grund: der seniorengerechte Ausbau von S- und U-Bahn-Stationen mit Fahrstühlen und durch Bahnsteigerhöhungen.
Man sprach von Barrierefreiheit, was eine altersneutrale, auch für Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen erfreuliche Maßnahme suggerieren sollte. Die Massivität der Eingriffe zeigte allerdings, dass nicht mit einer Minderheit, sondern für die Zukunft mit einer Mehrheit der Passagiere gerechnet wurde. Die Zukunft, die man sich im Rathaus ausmalte, war eine gehbehinderte Zukunft. Die Kommunalpolitiker wussten mehr über die demografische Entwicklung, als sie öffentlich auszusprechen wagten. Still und verantwortungsbewusst arbeiteten und arbeiten sie an einer von Alten beherrschten und an den Bedürfnissen der Alten ausgerichteten Zukunft.
Dagegen spricht auch nicht der forcierte Ausbau der Radwege. Es ist die Jugend, die radeln soll; fossile Energien werden ihr in der Zukunft ohnehin nicht für motorgetriebene Fortbewegung zur Verfügung stehen. Von den Senioren wird dabei kein Opfer verlangt: Den Platz, der ihren Autos für Fahrradwege verloren geht, werden sie bei absehbar zunehmender Fahruntüchtigkeit sowieso bald nicht mehr benötigen. So wird auch hier die Jugend auf einen Verzicht eingeschworen, den man den Alten in deren Lebenszeit nicht zuzumuten wagt.
Zur einseitigen Belastung der Jugend passt auch der Vorstoß, das Freiwillige Soziale Jahr für sie verpflichtend zu machen. Warum kein soziales Pflichtjahr für die rüstigen Rentner? Das zudem den Zusatznutzen hätte, sie von ihren umweltschädlichen Freizeitvergnügen abzuhalten, insbesondere den bizarr klimaschädigenden Kreuzfahrten. Der Vorschlag einer sozialen Verpflichtung der Pensionäre, den Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung machte, verhallte undiskutiert wie ein unfreiwillig kabarettistischer Beitrag.
Noch aussichtsloser scheinen die Versuche, die Lebensarbeitszeit heraufzusetzen. Obwohl angesichts des Fachkräftemangels volkswirtschaftlich sinnvoll, werden sie stets mit dem Hinweis gekontert, die Arbeitnehmer seien schon jetzt mit ihrem Renteneintrittsalter an der Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit angelangt – als mache körperliche Schwerarbeit den Hauptteil der deutschen Erwerbstätigkeit aus und als könne nicht nach Berufsgruppen differenziert werden. Die Wahrheit ist, dass niemand wagt, den Rentnern an ihre gesamtgesellschaftlich bezahlte Freizeit zu gehen.
Die Jugend dagegen, die in Sonntagsreden so gerne als Zukunft der Gesellschaft beschworen wird – als Garantie dafür, dass es eine solche Zukunft überhaupt gibt –, muss erleben, dass sie den Politikern keinen Pfifferling wert ist. Der Grund ist ebenso banal wie wirkmächtig: Kinder sind nicht wahlberechtigt, und der wahlberechtigte Teil der Jugend bringt nichts auf die demokratische Waage, was auch nur annähernd das Gewicht der Seniorenwähler ausgleichen könnte. Bei einem Anteil von zehn Prozent an der Bevölkerung würde auch keine Herabsetzung des Wahlalters helfen und auch nicht, wie manchmal schon erwogen, Eltern doppeltes Stimmrecht zu gewähren. Wo wenig Jugend ist, sind auch wenige Eltern.
Aus diesem Umstand folgt viel. Nicht nur, dass der Jugend die Verfolgung ihrer gegenwärtigen Interessen unmöglich ist, es sind ihr auch die Machtmittel entzogen, jene Zukunft zu gestalten, in der sie dereinst leben muss. Ehe nicht der letzte notorische Autobahnraser gestorben ist, wird es nicht gelingen, so etwas Einfaches und Menschenfreundliches wie eine Beschränkung auf Tempo 100 durchzusetzen, selbst wenn es die mehrheitlich wenig autoverliebte Jugend heute schon gerne hätte. Auch hier gilt, dass von politischer Seite jeder Einschnitt in die Lebensgewohnheiten der herrschenden Generation vermieden wird.
Wenn man das Glück der Generationen an den Freiheitsgraden messen kann, mit denen sie ihr Leben und ihre Lebenschancen gestalten können, dann wird man sagen müssen: Unglücklicher und unfreier war selten eine Generation zuvor. Was sie vor sich sieht, ist keine Zukunft, die sich ins Offene weitet und frei gestaltet werden kann, sondern eine Zukunft ererbter Zwangslagen: die Erderwärmung, die Umweltzerstörung, eine räuberische Weltwirtschaftsordnung, krude historische Altlasten, zu denen nicht zuletzt die kriegerischen Konflikte um eingebildete Identitäten gehören. Keine dieser Zwangslagen wird ignoriert werden können, jede verlangt bearbeitet zu werden, jede stellt eine Überlebensfrage der Menschheit dar. Das alte schöne Privileg der Jugend, die Probleme der Eltern verspotten und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen zu können (und sich geschwind neue eigene zu basteln), ist dahin. Die Probleme, die jetzt schon im Nachlass der Eltern liegen, sind objektiv, generationenübergreifend und keine Frage der Sichtweise.
Die Jugend hat nicht die Freiheit, sich zu Erderwärmung, Umweltzerstörung, Hunger und Massenmigration so oder so zu verhalten. Sie wird nur durch gewaltige Anstrengungen und grausame Selbstbeschränkung überleben. Das Grausamste aber ist, dass dies der Jugend von den Alten auch eingestanden wird. Sie wissen, was sie angerichtet haben, sie sind schuldbewusst, sie zerknirschen sich – aber ändern ihr Verhalten nicht. “Ihr werdet es mal nicht leicht haben”, sagen die Alten zu den Jungen, packen die Schläger in den Caddie und fahren auf den Golfplatz, den sie weiter gegen jede Vernunft bewässern lassen.
Das ist die Lage. Die Freiheitsrechte der Jugend sind verspielt worden, und es verwundert nicht, dass diese ihrerseits begonnen hat, die Freiheitsrechte der Alten als verspielt zu betrachten. Unter dem Druck katastrophischer Zukunftsaussichten hat sie eine Mentalität entwickelt, wie sie ganz ähnlich schon einmal, als Reaktion auf eine ähnlich zukunftsuntaugliche Gesellschaft, in der Französischen Revolution entstanden war. Damals kippte zum ersten Mal das Paradigma, die Alten als verehrungswürdig und in ihren Leistungen als nachahmenswert zu betrachten; vielmehr zeigte der Blick zurück auf das Ancien Régime eine Bande lasterhafter Greise, die sich vollkommen verantwortungslos, ebenso ökonomisch ausbeuterisch wie erotisch enthemmt verhalten hatten.
Es ist kein Zufall, dass die Revolutionäre gegen den Sittenverfall eine Rigorosität setzten, die in den Tugendterror mündete. Gegen die frivole Entspanntheit, mit der die alten Eliten den Staat verkommen und die Massen verelenden ließen, konnte nur äußerste Strenge gesetzt werden. Diese neue Strenge überlebte die Revolution und prägte das folgende Jahrhundert fast bis zu seinem Ende.
Das Bild einer lasterhaften Vorzeit wandelte sich weder unter Napoleon, der die Monarchie zurückbrachte, noch in der Restauration, die vorübergehend die alten Eliten wieder in Amt und Würden setzte. Vieles ließ sich zurückdrehen, aber nicht das Lebensgefühl, und so setzte sich im Zeichen einer neuen Religiosität der Tugenddiskurs der Revolutionäre fort. Der Blick zurück ins 18. Jahrhundert blieb ein Blick in eine lasterhafte Hölle schamlosen Konsums, schamloser Sexualität, gottloser Freidenkerei. Die Bücher des Rokoko wurden zensiert, größtenteils verboten, die Art und Weise, wie dort über Männer und Frauen, Ehe und Moral, Kirche und Werte gesprochen wurde, galt als unzumutbar für die empfindlich (und romantisch) gewordenen Leser des 19. Jahrhunderts.
Die Parallelen zum heutigen Tugendideal der woken Jugend liegen auf der Hand. Auch sie möchte beschränken, wie früher gedacht und geschrieben wurde, nur dass freilich die Anstößigkeiten andere geworden sind und sich der neu geforderte Respekt nicht auf Kirche und Institutionen, sondern auf Minderheiten und ehemals kolonialisierte Völker richtet. Nur die Beschränkung des sexuellen Umgangs, der neu zu beachtende Sicherheitsabstand zwischen den Geschlechtern hat denselben Aufmerksamkeitsgrad; vielleicht weil dort für jede Gesellschaft der entscheidende Hebel zur Disziplinierung liegt.
Es könnte durchaus sein, dass bei Weitem zu viel Aufmerksamkeit den Übertreibungen und Bizarrerien der woken Verbotskultur gewidmet wird, anstatt auf deren systemischen Sinn zu achten. In Zeiten ernster Herausforderungen muss es vor allem darum gehen, diesen Ernst überhaupt erst durchzusetzen, den Individuen die Gewohnheit frivoler Spielräume zu nehmen, sie am Beispiel verbotener Wörter und Redeweisen auf andere, womögliche einschneidendere Verbote vorzubereiten – oder ihnen generell erst einmal einen Schrecken einzuflößen, der ihnen die Unbefangenheit nimmt. Der Verlust des unbeschwerten Konversationstons wäre so gesehen ein pädagogischer Gewinn.
Vielleicht hat die Jugend, der im demokratischen Prozess die Machtmittel fehlen, in der Regulierung von Sprech- und Verhaltensweisen, ganz allgemein in der öffentlich geforderten Moral das Machtmittel gefunden, mit dem die Mehrheitsgesellschaft eingeschüchtert werden kann. Moralische Forderungen sind ein höchst invasives Mittel, es kann bis in die Kapillaren des Seelenlebens vordringen und jeden Einzelnen in seinem Selbstbewusstsein erschüttern.
Die allgemeine Einschüchterungswirkung ist womöglich der eigentliche, wenngleich unbewusste Zweck des woken Achtsamkeitsdiskurses, nicht die punktuelle Sorge um Empfindlichkeiten dieser oder jener Minderheit. Vielleicht ist sogar, auf einer noch unbewussteren Ebene, die Minderheit, um die es geht, gar nicht die der Schwarzen, der LGBTQ oder anderer potenzieller Opfergruppen, sondern die Minderheit der Jugend selbst, die sich eben ihres minoritären Status halber den anderen Minderheiten so verbunden fühlt. Dies würde erklären, warum sich durchaus privilegierte weiße Studentinnen bei einem Bruch der neuen Anstandsregeln mindestens so getroffen fühlen wie die eigentlich zu Schützenden. Spontane Tränen sind keine Seltenheit, wenn auf Veranstaltungen die Regeln gendergerechter oder rassismusfreier Rede auch nur vermuteterweise gebrochen werden.
Das zeigt aber, wie verletzlich sich die Jugend selbst fühlt und wie überwältigend sie in solchen Momenten die Rohheit der erwachsenen Mehrheitsgesellschaft empfindet, von der sie notorisch übergangen und an den Rand gedrängt wird. Ihre Tugend- und Achtsamkeitsregeln sind gewissermaßen auch ein Panzer, mit dem sie sich selbst schützt. Ihre Moral ist eine Selbstverteidigungs- und Abschreckungswaffe, hat aber den Nachteil aller Abschreckungswaffen, bestenfalls einen negativen Effekt auf den Gegner und keinen positiven Effekt auf die Verteidiger zu haben.
In der moralischen Aufrüstung der Jugend liegt eine selbst gebastelte Tragik. Denn die Freiheiten, die sie den Alten wegen missbräuchlicher Verwendung entziehen wollen, müssen die Jugendlichen sich auch selbst versagen. Insofern geht es ihnen ganz anders als der 68er-Generation, die vor einem halben Jahrhundert ebenfalls aufstand, um die Alten in die Schranken zu weisen, aber gleichzeitig in eigenem Interesse tätig war. Sie forderte das Recht auf freie Liebe, unbehinderte Sexualität, von dem sie dann selbst sogleich lebhaften Gebrauch machte. Von Einschränkungen lässt sich dagegen kein genussvoller Gebrauch machen (es sei denn, man begibt sich in die Unterwelt einer sinistren Psychologie, in der so etwas wie die Erotik des Verbietens existiert).
Insofern könnte man das Paradox formulieren: Die Jugend von heute hat nicht die Freiheit oder empfindet jedenfalls nicht die Freiheit, für ihre Freiheit tätig zu werden. Sie sieht sich vielmehr nur vor der Notwendigkeit (oder empfindet die Notwendigkeit), Freiheiten einzuschränken, auch die eigenen. Die Freiheit des Konsums gefährdet die Umwelt, die Freiheit des Reisens das Klima, die Freiheit der Rede (aufgrund der darin beschlossenen Kränkungsgefahr) das friedliche Zusammenleben.
Der alte Satz, dass jede recht verstandene Freiheit ihre Grenze haben muss, wo sie die Freiheit anderer verletzt, wird von dieser unglücklichen Jugend so maximalistisch interpretiert, dass letztlich alles Leben auf Kosten anderen Lebens geht – dass jedes Wasser, das ich trinke, einem anderen fehlt, jedes Kohlendioxid, das ich ausatme, einem anderen die Atmosphäre zu heiß werden lässt, jeder Spaß dazu angetan ist, eines anderen Menschen Empfindlichkeit zu verletzen.
Es ist die tödliche Konkurrenz allen Lebens, die überwältigende Knappheit aller Güter, die Begrenztheit aller irdischen Ressourcen, von denen diese Jugend, vielleicht zum ersten Mal wieder in der Neuzeit, einen wirklichen Begriff hat. Wer wollte ihr diesen Begriff bestreiten? Aber leben und anderen ihr Leben gönnen lässt sich so nicht. Und tatsächlich ist in der Jugendkultur auch schon eine Strömung aufgetreten, die im Verzicht auf Nachkommenschaft, im Aussterben der Menschheit die einzige moralisch saubere Lösung sieht.
Der Selbstwiderspruch liegt auf der Hand, der darin besteht, aus Sorge um das eigene Gewissen die Auslöschung der Gattung zu empfehlen. Wenn kein menschliches Bewusstsein mehr existiert, gibt es auch nichts mehr, was Erleichterung darüber empfinden könnte. Aber mit philosophischer Logik ist einem Lebensgefühl nicht beizukommen. Wo könnte hier ein Trost liegen? Vielleicht kann es helfen, sich daran zu erinnern, dass die Einsicht in die schreckliche Bedrohtheit, die Endlichkeit alles Irdischen nicht neu ist: Der christliche Teil der Menschheit hat tausend Jahre mit der Naherwartung der Apokalypse gelebt. Die heidnische Antike sah die Welt als etwas, das periodisch untergeht und wiederersteht. Das drohende Ende lässt sich also durchaus in das Selbstverständnis des Menschen integrieren. Das Leben wäre dann gewissermaßen ein Geschenk, das durch seine Befristung den Wert erhält – und insofern diese Leasingbedingung des Lebens für alle Geschöpfe gilt, müssen sie sich keinen ungerechtfertigten Geschäftsvorteil vorwerfen.
Für die realen Schuldzusammenhänge, in die sich die Jugend geworfen fühlt, muss diese Sichtweise nicht plausibel sein. Es ist letztlich eine metaphysische Lösung, aber dass billiger eine Antwort auf die Existenzfrage, die eine schwindende Jugend an die Gesellschaft richtet, nicht zu haben ist, zeigt immerhin an, wo wir uns, nämlich alle, inzwischen befinden.
Zu den Utopien und Protestformen der Jugend hat sich der Autor Jens Jessen, Jahrgang 1955, immer wieder in der ZEIT geäußert, zuletzt in einer Titelgeschichte über das Erwachsenwerden und in einem viel diskutierten Essay zur Emanzipation von der Generation der Babyboomer.